In Alta Langa
Menschen. Momente. Spuren, die bleiben.
Es begann mit einem Urlaub
2011 kamen wir zum ersten Mal nach Murazzano. Wir wussten kaum etwas über das Piemonte und noch weniger über die Alta Langa. Dabei hatten wir in Deutschland längst Wein aus dieser Gegend getrunken. Nur wussten wir nicht, wie die Landschaft aussah, aus der er kam.
Wir wohnten in einem alten Rustico außerhalb des Dorfes. Auf den Fahrten nach Murazzano tauchte irgendwann dieser Turm auf dem Hügel auf, darunter die Häuser, die Piazza und die schmalen Straßen. Ein Ort, den wir nicht kannten und der uns trotzdem bald vertraut vorkam. Nach ein paar Wochen fuhren wir wieder nach Deutschland. Im nächsten Jahr kamen wir zurück.
Irgendwann kennt man die Gesichter
Aus einem Urlaub wurden viele. Wir gingen dieselben Straßen, saßen in denselben Bars und kauften an denselben Orten ein. Mit der Zeit musste uns niemand mehr erklären, wo etwas war. Wir kannten die Kurven der Straße, wussten, wann auf der Piazza Markt war und bei welchem Wetter die Hügel am Abend plötzlich verschwanden.
Vor allem aber kannten wir irgendwann Gesichter. Menschen grüßten. Aus einem Buongiorno wurde manchmal ein Bondì, aus einem kurzen Gespräch wurden zehn Minuten und aus zehn Minuten manchmal ein Kaffee. Es waren selten die großen Dinge, die wir später in Deutschland erzählten. Eher jemand, der vor der Bar seinen Stuhl in die Sonne rückte, eine offene Tür, ein Gespräch, von dem wir nur die Hälfte verstanden, der Klang von Tellern aus einer Küche oder ein Hund, der jeden Morgen am selben Haus lag.
Aus Wiederkommen wurde Bleiben
Viele Jahre lang verlief unser Leben zwischen Deutschland und der Alta Langa. Wir fuhren zurück und kamen wieder. Mit jedem Jahr wurde die Ankunft selbstverständlicher und die Abfahrt ein wenig merkwürdiger. Irgendwann fanden wir hier ein Haus.
Aus Wochen wurden Monate. Aus dem Ort, an den wir reisten, wurde langsam der Ort, von dem aus wir lebten.
Heute stehen unser Haus und das Büro von Servodigitale mitten in Murazzano, an der kleinen Piazza Umberto. Nebenan schneidet Martina den Menschen aus dem Ort die Haare, Cristiana und Claudio Viola führen den Tabacchi.
Am Morgen öffnet irgendwo eine Tür, jemand stellt einen Stuhl nach draußen, auf der Straße bleiben zwei Menschen für ein Gespräch stehen. Dazwischen sitzen wir vor unseren Bildschirmen.
Vielleicht beginnt genau dort In Alta Langa.
Die Dinge, an die man sich erinnert
Wer eine Gegend besucht, kann sich vieles ansehen: Kirchen, Türme, Landschaften, alte Häuser. Aber Jahre später erinnert man sich oft an etwas anderes. An den Mann am Nebentisch. An die Frau hinter dem Tresen, die beim zweiten Besuch schon wusste, welchen Kaffee man bestellt. An einen Abend auf einer Piazza, an dem eigentlich nichts Besonderes passiert ist. An eine Straße, über die plötzlich Nebel zog. An ein einfaches Bondì am Morgen.
Wir haben irgendwann verstanden, dass unsere Erinnerung an die Alta Langa aus genau solchen Dingen besteht. Nicht aus einer einzigen großen Geschichte, sondern aus vielen kleinen.
Ein Ort besteht aus Geschichten
So entstand In Alta Langa. Nicht als Reiseführer, nicht als Verzeichnis von Restaurants, Geschäften oder Unterkünften und auch nicht als Sammlung von Dingen, die man unbedingt gesehen haben muss.
Wir erzählen Orte und die Menschen darin. Ein Dorf kann dabei genauso eine Geschichte sein wie eine Bar, ein Tennisplatz, eine Werkstatt, ein Haus, das auf neue Bewohner wartet, oder ein Mensch, der jeden Morgen dieselbe Tür aufschließt. Manches existiert seit Generationen, manches ist gerade erst entstanden. Alles gehört zu demselben Ort.
Eine Karte, die niemals fertig wird
Wir stellen uns die Alta Langa manchmal wie ein Mosaik vor. Jede Geschichte ist nur ein kleiner Stein. Murazzano ist einer davon. Eine Bar kann der nächste sein, eine Begegnung ein weiterer. Irgendwann kommt ein anderes Dorf hinzu, eine Straße, ein Fest oder ein Mensch, dessen Geschichte wir noch nicht kennen.
Mit jedem Besuch wird die Karte ein wenig größer. Aber sie wird vermutlich niemals fertig. Das soll sie auch nicht. Denn während wir eine Geschichte aufschreiben, beginnt irgendwo längst die nächste. Vielleicht vor einer offenen Tür, auf einer Bank oder an einem kleinen Tisch auf der Piazza, an dem gerade zwei Gläser stehen.
Und manchmal beginnt sie einfach mit einem:
Bondì.